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Was ziehe ich heute an?

15. Mai 2025
2 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 22. Sept.

Warum die tägliche Kleiderwahl so viel Energie kosten kann


Kleiderschrank mit unterschiedlichen Kleidungsstücken – Autismus und die tägliche Kleiderwahl

Es ist früh. Der Schlaf sitzt mir noch in allen Gliedern. In einer Stunde muss ich los. Also anziehen.

Doch womit fühle ich mich heute wohl?

Mein Körperbild verändert sich, je nach Zyklus, Verfassung, Temperatur.

Der Blick in den Spiegel zeigt jeden Tag eine andere Figur.


Die Wetter-App sagt: kühl am Vormittag, warm am Nachmittag, Gewitter am Abend. Schichten sind nötig aber zu warme Kleidung überfordert. Lieber kurz frieren als schwitzen.


Dann die Materialfrage: Was fühlt sich auf der Haut normal an? Nicht zu hart, nicht zu weich, nicht zu klebrig bei hoher Luftfeuchtigkeit?


Jeans: Anfangs zu steif, dann eine Weile angenehm, später zu locker, zu warm, reibend.


Das neue Kleid? Das Etikett ist noch drin. Ich weiß, es wird mich stören. Der ganze Tag konzentriert sich dann nur noch auf diesen Kratzpunkt im Nacken.


Socken? Auf keinen Fall. Der Bund schneidet ein. Warme Füße führen zur inneren Starre. Auch die Schuhe: Eine Qual. Fest, aber nicht zu eng. Halt, aber ohne Druck. Nicht zu hoch auch nicht ganz flach. Möglichst lautlos.


Dann die Farben: Auffällig, um Blicke vom Gesicht abzulenken? Abstand schaffen durch visuelle Dominanz? Oder doch unauffällig? Grau, blass, still mit dem Risiko, übersehen oder angerempelt zu werden?


Ich erinnere mich an einen Moment: Geburtstagsfest einer Freundin. Ich extra für sie hübsch gemacht. Im schwarz-weißen 60er-Jahre-Kleid. Grafisch, klar, formbewusst. Sie im knallroten, eng geschnittenen Kleid. Präsent, offen, strahlend.

Ihre Mutter schaut mich an, prüfend, und fragt: „Willst du eigentlich die Schönste sein?“

Ein Satz, freundlich verpackt, spitz formuliert. War es ein Vorwurf? Eine Beobachtung? Ein Test?

Die Freundin und eine Weitere Person versuchen zu beschwichtigen. Sie hat es nicht so gemeint. Ist betrunken.

Offenbar waren meine Outfits schon öfters Thema hinter meinem Rücken Ich sagte nichts.


Seit dem bewusst underdresst an Anlässen von Bekannten. Unsichtbar und trotzdem unsicher. Kleidung ist nicht nur Hülle. Sie ist Zeichen. Projektionsfläche. Manchmal auch Zielscheibe.


An manchen Tagen gelingt es mir: Ich finde das Outfit, das zu mir und meinen Aufgaben passt. Funktional, professionell oder freizeittauglich. Etwas, das Halt gibt, mich abschirmt, aber trotzdem Bewegungsfreiheit lässt. Und an anderen Tagen? Da heißt es nur: Hauptsache, ich habe überhaupt etwas an. Farbe, Schnitt, Kombination, alles suboptimal. So wird auch der Tag.


Der Trainingsanzug wäre bequem, vermittelt aber das Gefühl, nackt zu sein. Stoffe, die man kaum spürt, können genauso überfordern wie solche, die man zu sehr spürt. Und dann kommt noch die Wäsche dazu. Das perfekte Teil bereits getragen, nicht gewaschen.


Anziehen geht nur einmal. Danach in die Maschine. Warum?

Weil Erinnerungen an Schulzeiten bleiben: „Wäääh, stinkig, das hast du doch gestern schon getragen?“

Obwohl es frisch war. Obwohl ich es mehrfach besass. Damals wurde mir klar: Gleich aussehende Kleidung wird als dieselbe wahrgenommen.

Also täglich Kontraste. Auffallend anders. Aus Prinzip.


Das Anziehen, eigentlich eine Alltagsroutine, wird zur sensorischen, psychologischen, sozialen Entscheidungsmatrix. Jeden Morgen neu. Und doch ist Kleidung das Erste, das zwischen mir und der Welt steht. Schutz, Ausdruck, Hülle, Störung. Alles zugleich.

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